Sonntag, 14. Juli 2013

VfL Bochum – Aston Villa FC 1:1 inkl. Saisonvorschau


Der VfL Bochum beging den Abschluss seiner Saisonvorbereitung mit einem Testspiel gegen den Aston Villa FC. Cheftrainer Peter Neururer kündigte an, in diesem Spiel seine bevorzugten Formationen zu testen und die Spieler auf den Rasen zu schicken, die auch in der nächsten Woche gegen Union Berlin spielen sollen. Aus diesem Grunde möchte ich das Spiel nutzen, den aktuellen Kader zu analysieren und eine Vorschau auf die neue Saison zu wagen.
 

Die Rahmenbedingungen

  

Der Gegner Aston Villa FC bestreitet zurzeit seine Saisonvorbereitung in Deutschland. Dabei liegt der aktuelle Fokus auf dem Aufbau der Fitness, da die Saison in England erst einen Monat später als die 2. Bundesliga startet. Paul Lambert, der Trainer der Gäste, nutzte die Partie entsprechend, um vielen Spielern Einsatzzeiten zu gewähren. In der Pause wurde komplett durchgewechselt. Unter anderem kamen auch die U21-Spieler Burke, Carruthers, Gardner und Webb zum Einsatz. Dafür liefen bekannte Größen, wie beispielsweise Given, Bent, Benteke oder Agbonlahor, gar nicht erst auf.

Villas Formation war geprägt durch zahlreiche Mannorientierungen. Gegen das 4-3-3 der ersten Halbzeit sah es defensiv oft ebenfalls nach 4-3-3 aus, während es in der zweiten Halbzeit durch das Verfolgen des Abkippens von Bulut eher wie ein 4-4-2 mit Raute wirkte. Offensiv gab es zwei klare Stürmer und klare Pärchenbildung auf den Außen, so dass die Grundformation wohl ein 4-4-2 darstellte.
  
Abbildung 1: Grundformationen in der ersten Halbzeit

 

Das Neururer’sche 4-3-3 oder die Rückkehr zur schottischen Furche

 
In der ersten Halbzeit schickte Neururer erstmals in der Vorbereitung die Mannschaft in einem 4-3-3 / 4-3-2-1 auf den Rasen. Die beiden hängenden Spitzen bzw. Zehner Cwielong und Tasaka legten ihre Positionen dabei sehr zentral aus. Defensiv sollte der Spielaufbau auf die Außenverteidiger gelenkt werden, um dort ins Pressing überzugehen. Offensiv war dies durch das extreme Aufrücken der Außenverteidiger Bastians und Freier bedingt. Diese schoben schon bei Ballbesitz der Innenverteidiger auf die Höhe von Tasaka und Cwielong vor, so dass eine Art 2-3-5 Aufbauformation entstand. Die grundlegende Spielidee war es wohl, durch die breite Positionierung von zwei der drei Mittelfeldspieler, zumeist Latza und Tiffert, die Außenverteidiger herauszulocken oder Villa zum starken Verschieben zu zwingen, um dann mit schnellen Diagonalbällen auf die hohen AV in den Rücken der Abwehr zu kommen. Diese Idee wurde jedoch aufgrund der flexibel ausgelegten Mannorientierungen bei Aston Villa FC blockiert. Der ballferne Außenverteidiger wurde zwar häufig freigelassen, um die Abwehrkette beim ballorientierten Verschieben horizontal kompakt zu halten. Durch den ständigen Druck auf die Innenverteidiger und die 6er/8er hatten diese jedoch nie die Zeit, präzise Diagonalbälle zu spielen. Die hektisch geschlagenen Bälle konnten selten erlaufen oder schnell genug kontrolliert werden.

Der VfL versuchte nach etwa 10-15 min, die Mittelfeldspieler durch eine tiefere Positionierung im Aufbauspiel etwas vom Gegnerdruck zu befreien. Außerdem sollte wohl die Gefahr durch die Konter Villas, die es ebenfalls mit langen Bällen hinter die aufgerückten Außenverteidiger versuchten, gebannt werden. Erst kippte Jungwirth zwischen die Innenverteidiger ab, später versuchte es Tiffert mit einem Herausrücken in die Lücke rechts hinter Freier. Defensiv standen sie dadurch sicherer, offensiv ging der Plan nicht auf, da beide einfach von ihren Gegenspielern mannorientiert verfolgt wurden. Der VfL verpasste es, die Mannorientierungen durch raumschaffende Läufe auszuhebeln. Insbesondere Tasaka und Cwielong hätten die enorme Enge im Zentrum durch ausweichende Bewegungen auflösen müssen, sie verharrten jedoch zumeist statisch in der Halbposition und versperrten somit wichtige Räume. Die starren Positionswechsel zwischen der linken und rechten Halbposition waren zu einfallslos. Sakuta-Pasu zeigte vereinzelt gute ausweichende Bewegungen auf die rechte Außenbahn, wodurch er eine der wenigen Torchancen in der ersten Hälfte einleitete. Auch Latza konnte mit gezielt eingestreuten Diagonalläufen in die Lücken neben den Außenverteidigern Gefahr erzeugen. Gefühlt fanden alle Offensivaktionen des VfL über die Außenbahnen statt.
  
Typische Stellung im Spielaufbau des VfL in der 1. Halbzeit: Jungwirth wird direkt von seinem Gegenspieler gepresst. Ebenso der hinter Freier abgekippte Tiffert. Gezielte Diagonalbälle auf den beim Verschieben freigelassenen Bastians sind aufgrund des hohen Gegnerdrucks nicht möglich.
 
Defensiv war das 4-3-3 sehr stabil. Villa versuchte ebenfalls mit hohen Außenverteidigern auf den Flügeln durchzubrechen. Hier konnte jedoch durch die beiden recht breit verteidigenden 8er sowie die Außenverteidiger und Flügelstürmer zumeist in Überzahl agiert werden. Insbesondere Jungwirth, aber auch Latza, zeigten eine sehr gute Dynamik im Pressing und setzten die Aufbauspieler von Villa früh unter Druck. Insgesamt ergab sich so in der ersten Hälfte ein sehr zerfahrenes Spiel mit vielen Zweikämpfen aber wenigen Torchancen.
  

Die Rückkehr zum 4-4-2 – gewohntes System, doch keine Automatismen

 
In der zweiten Spielzeit stellte Neururer auf das unter ihm gewohnte 4-4-2/4-4-1-1 System um. Dazu musste der aktive Latza Platz für Aydin machen, der seine übliche Rolle als hängende Sturmspitze einnahm. Diese Änderung erzeugte offensiv wenig Besserung, resultierte jedoch zu Beginn in einer hohen Anfälligkeit auf den Außenbahnen. Es schien dabei so als rechneten Cwielong und Tasaka noch mit einer Absicherung durch die breiten 6er, welche jedoch aufgrund der Umstellung auf eine Doppelsechs nicht mehr gegeben war. Tifferts fehlende Dynamik tat ihr übriges. Beim Gegentor von Helenius wurde erst Freier auf rechts und dann Bastians auf links aufgrund fehlender Unterstützung im Eins gegen Eins vernascht. Die abschließende Flanke hätte Luthe zwar eventuell abfangen können, ähnliche Situationen hatte es in der ersten Halbzeit jedoch nicht gegeben. Es blieb aber bei einer kurzen Phase der defensiven Instabilität. Cwielong und Tasaka intensivierten ihre defensiven Bemühungen und durch das fast dauerhaft praktizierte Abkippen des für Tiffert eingewechselten Bulut, konnten Maltritz und Fabian weiter Herausrücken, um den Außenverteidigern beim Ersticken der Flanken zu helfen.
  
Grundformationen in der zweiten Halbzeit
 
Erschreckender als die defensiven Auswirkungen war jedoch die Veränderung des Offensivspiels. Das 4-4-3/2-3-5 wurde zwar sehr schablonenartig und statisch interpretiert, durch die fluid agierenden 6er/8er und die dauerhafte Besetzung der offensiven Außen war jedoch zumindest eine gesunde Grundstruktur zu erkennen. Im 4-4-2 waren die Bewegungen zwischen den nun breiter agierenden Tasaka und Cwielong und den Außenverteidigern völlig ohne Abstimmung. Wenn Bastians und Freier aufrückten wurde ein raumschaffendes Einrücken meist verpasst. Man stand sich sprichwörtlich auf den Füßen. Es ist zu vermuten, dass die Einwechslung von Bulut, mit dem von da an praktizierten Abkippen zwischen die Innenverteidiger, durch die Rückkehr zu den starren Mechanismen der ersten Hälfte Abhilfe schaffen sollte. Üblicherweise sollen die Außenverteidiger durch die breit spielenden Innenverteidiger nach vorne geschoben werden, was wiederum die Außenstürmer in die Halbräume befördert. Dies hätte also im Aufbauspiel zu einem 3-1-6 geführt, was sich gegenüber dem 3-2-5 aus der ersten Hälfte nur durch den Austausch eines Mittelfeldspielers durch einen Stürmer unterscheidet. Allerdings schienen die Spieler dieser extrem offensiven Formation nicht zu trauen. Insbesondere Freier rückte nur zaghaft auf, so dass er nun häufig sehr nah bei Maltritz agierte.

Die Kombination aus dem Abkippen von Bulut und der extremen Mannorientierung bei Villa führten jedoch zu einem großen Loch im rechten Halbraum. Gardner folgte Bulut, während Bacuna durch das Pärchen Freier/ Maltritz gebunden war. Diesen Freiraum versuchten insbesondere Cwielong und Aydin zu bespielen. Ersterer konnte hierbei teilweise überzeugen, indem er mit dem Ball Fahrt für seine Dribblings aufnahm. So bereitete er beispielsweise auch die Chance von Tasaka vor. Letzterer wirkte extrem schwach und verlor viele Bälle, wobei jedoch die fehlenden Läufe von Freier und Cwielong Aydin auch wenige Optionen gaben. Jungwirth war allein im Zentrum völlig abgemeldet.
  

Ausblick auf die Saison 2013/2014

 
Auch wenn Aston Villa FC nicht nach einem typischen deutschen Zweitligaverein klingt, so erlaubt das Spiel doch einige Folgerungen für die kommende Saison. Durch das Fehlen der Starspieler Villas und die Komplettrotation zur Halbzeit war die individuelle Qualität nicht exorbitant höher. Mannorientierungen und konsequentes Flügelspiel werden sicherlich auch bei vielen der kommenden Gegner anzutreffen sein.

Defensiv scheint der VfL gut auf die Saison vorbereitet. Das Pressing im 4-3-3 wirkt sehr stabil. Die Mannschaft verschiebt sehr diszipliniert und kollektiv. Durch die enge Positionierung der vorderen Dreierreihe gibt es kaum Wege ins Zentrum. Insbesondere Cwielong versteht es, durch das Belauern von Passwegen das Pressing auf die Außenverteidiger zu lenken und sofort Druck aufzubauen. Jungwirth und Latza machen einen sehr dynamischen und bissigen Eindruck. Tiffert wirkt noch etwas müde, kann jedoch Vieles durch sein gutes Stellungsspiel wettmachen. Auch in der 4-4-2-Defensivordnung sah Bochum halbwegs stabil aus. Das Zentrum wird jedoch nicht so konsequent dominiert wie im 4-3-3, vor allem da Jungwirth seine Dynamik aufgrund der mangelnden Absicherung etwas zügeln muss und Aydin die Wege ins Zentrum nicht mit der Konsequenz wie Cwielong und Tasaka abkappte. In der Viererkette hinterließ Fabian nach seiner langen Verletzung einen guten Eindruck – ebenso wie Maltritz. Wenn es überhaupt eine Anfälligkeit gibt, dann die Lücken hinter den weit aufrückenden Außenverteidigern. Freier und Bastians wirken auch in Eins gegen Eins-Situationen auf den Flügeln nicht immer stabil.

Die große Baustelle für den Saisonstart ist das Offensivspiel. Es ist davon auszugehen, dass der extreme Flügelfokus beibehalten wird. Ein kreativer zentraler Spieler für das letzte Drittel fehlt im Kader. Morabit scheint noch nicht bereit für die Startaufstellung zu sein. Er blieb das gesamte Spiel auf der Bank. Tiffert konnte noch nicht die Eignung nachweisen, das Spiel aus der Tiefe zu ordnen. Für ein erfolgreiches Flankenspiel muss die Abstimmung zwischen den Außenstürmern und -verteidigern noch deutlich verbessert werden. Diese war entweder zu statisch (im 4-3-3) oder gar nicht erst zu erkennen (4-4-2). Die Dribbling- und Abschlussstärke von Cwielong und Tasaka ließ sich gegen Aston Villa FC nur erahnen, obwohl Tasaka der späte Ausgleich glückte. Im Sturm war Sakuta-Pasu zwar bemüht, Offensivgefahr strahlt er jedoch kaum aus. Aydin ist noch nicht in der Form, als hängende Spitze Akzente zu setzen.

Nach dem Eindruck des heutiges Spiels scheint das 4-3-3 somit besser geeignet, die aktuellen offensiven Defizite zu beheben. Der Einsatz von abkippenden bzw. herausrückenden Sechsern ist in diesem System nicht gleichbedeutend mit einer Aufgabe des Zentrums. Das weite Aufrücken von Bastians und Freier ist notwendig und kann gleichzeitig besser kompensiert werden. Wird das Wechselspiel zwischen den Außenstürmern und –verteidigern noch flexibler und dynamischer ausgelegt, beispielsweise durch späteres Einrücken der Außenstürmer und diagonale Läufe der Außenverteidiger, gibt es noch deutliches Steigerungspotenzial. Die Dynamik von Latza und Jungwirth kann in diesem Kontext nette Synergien erzeugen. Eine weitere Option wäre es, Tasaka auf einer der 8er-Positionen einzusetzen, um die Kreativität aus der Zentrale zu steigern. Bastians könnte dann eine breitere Rolle als Außenstürmer spielen. Seine Position in der Viererkette würde Butscher übernehmen.

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