Sonntag, 22. September 2013

VfL Bochum – VfR Aalen 1:2

Der VfL dominiert mit einer interessanten Asymmetrie das Spiel, verliert jedoch trotzdem mit 1:2. Die Konzentration auf die Überladung des rechten Halbraums ist auf die Dauer zu berechenbar, um Aalens disziplinierte Defensive zu knacken. Der Gast hingegen zeigt eine große Effizienz beim Ausnutzen der Bochumer Fehler.
 

Die Grundformationen

 

Peter Neururer und sein Trainerteam entwickeln die taktische Grundformation von Spiel zu Spiel weiter. Nach der langsamen Entwicklung vom 4-3-3/3-2-5 des Testspiels gegen Aston Villa zu einem 4-2-3-1 in den Spielen gegen Union Berlin, Dynamo Dresden und FSV Frankfurt, wurde gegen St. Pauli eine asymmetrische Interpretation der Raute im 4-3-1-2/4-2-2 versucht. Gegen Düsseldorf gab es ein Revival des 4-3-3 mit Ken Ilsö als Flügelspieler, welches jedoch keine große Durchschlagskraft vor dem Tor erzeugen konnte. Aus diesem Grund kehrte das Trainerteam im Spiel gegen Paderborn zum in der Vorbereitung bevorzugten 4-4-2 mit zwei klaren Spitzen zurück, welches jedoch mit einer interessanten Asymmetrie versehen wurde. Auf dieses System wurde auch nach dem Ausfall von Florian Jungwirth gegen den VfR Aalen zurückgegriffen. Dieser wurde von Adnan Zahirovic positionsgetreu ersetzt. Aufgrund des Ausfalls von Felix Bastians und der Aussortierung von Fabian Holthaus nach dem 3. Spieltag wurde die Linksverteidigerposition seit dem Spiel gegen St. Pauli mit Innenverteidigern (erst Heiko Butscher, dann Jonas Acquistapace) besetzt. Gleichzeitig spielt mit Paul Freier ein gelernter Mittelfeldspieler auf der rechten defensiven Außenbahn. Dieses Ungleichgewicht wird nun aktiv ausgenutzt. Das konsequente Zurückfallen eines Mittelfeldspielers, welches an den ersten fünf Spieltagen zu beobachten war, gibt es nun nicht mehr. Stattdessen wird die Dreierkette im Spielaufbau durch ein Verschieben der Viererkette nach rechts und ein Aufrücken von Freier realisiert. Dies erlaubt Yusuke Tasaka ein Einrücken in zentralere Positionen, in welchen er seine Pass- und Schussstärke einbringen kann. Der VfL Bochum spielt also eine Mischform aus 4-4-2 und 3-4-1-2.
 
Grundformationen

Diesem System setzte der VfR Aalen ein 4-3-3 entgegen, welches im Pressing passiv und tief interpretiert wurde. Die Aufbaudreierkette wurde nur bei Abspielfehlern oder schlechten Ballverarbeitungen situativ attackiert. Ansonsten positionierte sich die erste Dreierkette aus Klauß, Lechleitner und Valentini auf Höhe der Bochumer Sechser Adnan Zahirovic und Danny Latza, um Pässe auf die Außenbahnen zu provozieren, wo dann durch intensives Nachschieben der beiden vorderen Dreierketten Ballgewinne erzielt werden sollten. Dieses Vorgehen erinnerte etwas an die Ausrichtung von Eintracht Braunschweig in der ersten Bundesliga.

Ausrichtung

 
 Der VfL forcierte seine Angriffe extrem über die rechte Seite. Leider habe ich keine Statistiken gefunden (Tipps für OPTA/Hego Trac-Daten der 2. Liga sind sehr willkommen), aber gefühlte 90 % der Angriffe liefen über rechts. Dies war zum einen der Asymmetrie der Bochumer Formation und zum anderen dem Pressing der Aalener geschuldet. Beim Bespielen des rechten Flügels war der VfL sehr konsequent. Die beiden Sechser schoben weit auf diese Seite hinaus. Insbesondere Latza positionierte sich als Verbindungsglied zwischen Maltritz, Freier und Tasaka oder kippte gar hinter den eigentlichen Innenverteidiger Marcel Maltritz ab. Da zusätzlich beide Stürmer den rechten Halbraum suchten und somit die Viererkette dort banden, konnte der VfL diese Zone gezielt überladen, was zu einigen aussichtsreichen Diagonalläufen von Freier und Tasaka führte. Cwielong rückte dabei weit auf und bot sich für Verlagerungen in den ballfernen Rückraum an. Gleichzeitig spekulierte Latza zentral auf zweite Bälle. Die beiden gaben somit auch die meisten Torschüsse ab (Latza 5, Cwielong 3).
 
Überladung des rechten Halbraums
 
Die Überladung der rechten Seite hatte auch im Gegenpressing Vorteile. Durch das starke Einrücken der Sechser und die Absicherung der Tiefe durch den breit postierten Maltritz, konnten Freier und der ballnahe Sechser Latza bei Ballverlusten sofort aggressiv nachrücken und attackieren. Auf diese Weise wurden viele Bälle direkt zurückgeholt, was in einem klaren Ballbesitzplus für den VfL resultierte (482 zu 213 Pässen).

Spielverlauf

 

Bereits beim dritten Versuch, einen Angriff über die rechte Seite zu starten, nutzte der VfR Aalen in der 2. min eiskalt die Probleme dieses Ansatzes aus. Aufgrund der Begrenzung durch die Seitenlinie sind die Passoptionen eingeschränkt. Die Ballung der Bochumer Spieler erlaubt der verteidigenden Mannschaft eine extrem kompakte Stellung und somit einen schnellen Zugriff auf den Ballführenden durch mehrere Spieler. Nachdem der Ball aus den Zweikämpfen in der Enge ins Aus sprang, warf Freier den Ball zurück auf Latza, der sich mit dem Ball nach innen drehte, um über Zahirovic und Fabian auf die freie linke Seite zu verlagern. Dieser Pass war aufgrund der Stellung Latzas leicht zu antizipieren, so dass Zahirovic direkt von drei Aalener Spielern gepresst wurde. In dieser Drucksituation rutschte dem jungen Bosnier der Ball über die Seite, so dass der Pass von Klauß abgelaufen werden konnte. Aufgrund der breiten Stellung von Maltritz im Ausbauspiel hatte Lechleitner nach dem Pass leichtes Spiel.

 

Entstehung des 0:1

Bochum ließ sich von diesem Rückschlag jedoch nicht beirren, sondern setzte weiter auf eine Überladung der rechten Seite, welches sich in der 12 min. auszahlen sollte. Nach einem fast-Ballverlust konnte Tasaka im Liegen den Ball zurückerobern und somit die beiden ballnahen Aalener Sechser aus dem Spiel nehmen. Im 1:1 mit dem zum Herausrücken gezwungenen Buballa hatte Freier aufgrund des Geschwindigkeitsvorteils keine Probleme. Die gut angeschnittene Flanke konnte Aydin am langen Pfosten verwerten. Hierbei zahlte sich auch das Aufrücken von Piotr Cwielong in die Spitze aus, da so von Seiten der Aalener keine Absicherung oder Doppelung im Zentrum möglich war.
 
Entstehung 1:1

Im Laufe der Partie ließ sich Aalen immer weiter zurückdrängen. Das gute Lenken und Isolieren der Bochumer durch die vorderste Dreierreihe, welches mit zum 0:1 geführt hatte, wurde immer weniger praktiziert. Somit kam Bochum im Laufe der ersten Halbzeit auf beeindruckende Statistiken: 11:1 Torschüsse, 5:0 Ecken und 70 % Ballbesitz. Mangelnde Konsequenz im Abschluss und zu wenig raumschaffende Läufe ohne Ball (Wegziehen von Gegenspielern) verhinderten jedoch eine Bochumer Führung.

Die Überlegenheit der Bochumer setzte sich auch zu Beginn der 2. Halbzeit fort. Erst nach ca. 60 min. begann Aalen wieder etwas aktiver zu pressen. Bochum wollte es jedoch nun erzwingen. Durch einen vertikalen Offensivlauf von Latza und mehrfaches Aufrücken fürs Gegenpressing (erst Freier, dann Zahirovic) stehen 7 Bochumer im letzten Drittel. Zahirovic wird bei seinem etwas ungestümen Zugriffsversuch umspielt, so dass Bochum in eine 4 gegen 3 Situation gerät. Insbesondere durch Freiers hohes Aufrücken ist die rechte Seite frei. Maltritz kann sich nicht recht entscheiden, ob er im Zentrum helfen oder die Flanke verhindern soll, so dass Fabian im Zentrum letztendlich allein gegen Lechleitner und Valentini steht. Letzterer bringt Aalen erneut in Führung.
 
Entstehung 1:2

 

Auswechslungen

 
Nach dem erneuten Rückstand reagierte das Trainerteam mit der Einwechslung von Ken Ilsö für den doppelt unglücklichen Adnan Zahirovic. Danny Latza besetzte nun allein das Defensivzentrum, Ilsö ging neben Mirkan Aydin und Richard Sukuta-Pasu wich etwas nach rechts aus. Damit war Bochum aufgrund der deutlichen Unterzahl im Zentrum noch stärker auf die rechte Seite festgelegt. Etwas später kam dann Sven Kreyer für Cwielong, welcher sich etwas höher als linker Außenstürmer positionierte. Gleichzeitig rückte Jonas Acquistapace weiter auf, so dass die Asymmetrie der Außenverteidiger aufgegeben wurde und im Aufbau nur noch drei Spieler als Absicherung zurückblieben. Spätestens mit der Einwechslung des vierten Innenverteidigers Eyjolfsson für Freier wurde der konstruktive Spielaufbau völlig aufgegeben. Die langen Bälle auf die vier Stürmer, die zu statisch agierten, konnten die Aalener, auch aufgrund der fehlenden Besetzung des Zentrums für die zweiten Bälle leicht verteidigen.

Fazit


Bochum mit interessanten Ansätzen und dominanter Spielanlage. Durch die zu starke Orientierung auf eine Seite, waren diese Ansätze jedoch für Aalen gut zu verteidigen. Zahirovic agiert bei beiden Toren unglücklich. Die Pressingresistenz von Florian Jungwirth unter hohem Gegnerdruck sowie dessen Timing und Präzision im Herausrücken kann der junge Bosnier noch nicht ersetzen. Für das Spiel im DFB-Pokal gegen Eintracht Frankfurt wird es interessant zu sehen, ob der VfL versucht, ähnlich dominant wie gegen Fürth oder Aalen aufzutreten.

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